Americanah von Chimamanda Ngozi Adichie

americanah

Vor kurzem klickte ich auf der Youtube-Seite der TED-Talks herum und schaute mir dort in Endlosschleife alle möglichen Vorträge an. Ich war ganz fasziniert von dem Mut der Sprecher und ihren einnehmenden Themen. So entdeckte ich auch die Rede von Chimamanda Ngozi Adichie Why We All Should Be Feminists. Ihren Vortrag schaute ich mir gleich ganze drei Mal an, so beeindruckt war ich von ihrer einnehmenden Persönlichkeit, die Wärme und Charisma ausstrahlte und mich mit ihren Worten sofort in ihren Bann zog. Daraufhin besorgte ich mir umgehend den Roman Americanah von ihr und ja, sie ist nicht nur eine sehr begabte Rednerin, sondern auch eine begnadete Autorin.

Americanah ist bereits der dritte Roman von Adichie und behandelt vor allem das Thema der Ungleichheit und Ungerechtigkeit, des unterschwelligen Rassismus, der nur allzu oft übersehen und nicht wahrgenommen wird. Es ist aber auch die Liebesgeschichte von Obinze und Ifemelu, deren Jugendliebe zerbricht, nachdem sich Ifemelu gegen ein Leben mit Obinze in Nigeria entscheidet und nach Amerika zieht.

Ifemelu und Obinze wachsen während der Militärdiktatur in Nigeria auf, die von 1983 bis 1998 vorherrschte. Wer das Land verlassen kann, tut es und so gelingt auch Ifemelu dank eines Studentenvisums die Auswanderung nach Amerika. Das verheißungsvolle neue Leben entpuppt sich jedoch schnell als bloße Illusion: Die neue Umgebung, der Kulturschock und der allgegenwärtige Rassismus übermannen sie, auf die anfängliche Hoffnung folgt eine schwere Depression. Sie findet keinen Nebenjob, mit dem sie ihr Leben und ihr Studium finanzieren muss, immer wieder wird sie abgewiesen. Auch fällt es ihr schwer, Anschluss zu finden, ihre Kommilitonen denken, dass Englisch auf Grund ihres Akzentes nicht ihre Muttersprache wäre und reden besonders artikuliert und langsam mit ihr, was sie innerlich zweifeln lässt und wodurch sie beginnt, ihre eigene Identität in Frage zu stellen:

She shrank like a dried leaf. She had spoken English all her life, let the debating society in secondary school, and always thought the American twang inchoate; she should not have cowered and shrunk, but she did. And in the following weeks, as autumn’s coolness descended, she began to practice an American accent.

Sie entschließt sich dazu, ihr Erlebtes zu verarbeiten und gibt der von ihr wahrgenommenen Ungerechtigkeit eine Stimme. Ifemelu startet einen Internetblog, auf dem sie über den alltäglichen Rassismus in den Staaten schreibt und erreicht schnell eine große Leserschaft. Der Roman beinhaltet viele ihrer Blogeinträge, in denen sie ihre Gedanken sammelt und die verschiedenen Situationen beschreibt, in denen ihr dieser alltäglich Rassismus aufgefallen ist und durch ihren Blog darauf hinweisen will:

If you don’t understand, ask questions. If you’re uncomfortable about asking questions, say you are uncomfortable about asking questions and then ask anyway. It’s easy to tell when a question is coming from a good place. Then listen some more. Sometimes people just want to feel heard. Here’s to possibilities of friendship and connection and understanding.

Parallel zu Ifemelus Geschichte, wird die von Obinze erzählt, der sich mehrmals um ein Studentenvisum bemüht hat, um mit Ifemelu zusammen in Amerika leben zu können. Da sein Antrag jedes mal abgewiesen wird, entschließt er sich, mit einem befristeten Visum nach England einzureisen und zu versuchen, eine Sozialversicherungsnummer zu bekommen. Sein Traum von einem Neuanfang in England scheitert, er lebt und arbeitet lange illegal und unter falschem Namen im Land. Obwohl Ifemelu und Obinze Tausende von Kilometer voneinander entfernt sind, fühlen sie sich beide verloren und fremd in ihrer neuen Heimat. Jahre später werden die beiden wieder in Nigeria aufeinander treffen, nachdem Ifemelu nach fast 15 Jahren nach Nigeria zurückkehrt und Obinze, nun verheiratet, ein reicher Geschäftsmann geworden ist.

Adichie schildert mit einem sehr flüssigen und ruhigen Schreibstil die Geschichte von Ifemelu und Obinze, den Kampf, den die beiden in den neuen Ländern führen müssen und ihre Liebe zueinander. Wunderschön und sehr authentisch zeichnet sie die Entwicklung von Ifemelu und Obinze auf. Vor allem die Frage nach der eigenen Identität und danach wie sehr man sich verändern muss und kann, um sich in einer fremde Kultur eingliedern zu können und um akzeptiert zu werden, steht im Vordergrund. Americanah ist ebenso ein Roman über Einsamkeit und Verlust wie die Geschichte einer großen Liebe, die die Zeit überdauert.

 

Chimamanda Ngozi Adichie, Americanah, Fischer Taschenbuch, 864 Seiten , €9,99

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