Das Leben und Sterben der Flugzeuge von Heinrich Steinfest

Das_Leben_und_Sterben_der_Flugzeuge_Heinrich_Steinfest

Was haben ein Pariser Bahnhofsspatz und ein Deutscher Kommissar miteinander gemein? Nicht viel, würde man meinen, doch der Autor Heinrich Steinfest ist da ganz anderer Meinung und überzeugt mit einer abenteuerreichen Geschichte, die sowohl voller skurriler Begebenheiten als auch kurioser Figuren steckt und sich zwischen Wirklichkeit und Traum durch mehrere Welten hindurchzieht. Mit viel Sarkasmus und Witz werden absurde Szenen beschrieben, die voller Verschwörungstheorien und verwirrender Elemente sind und dies alles in dem einzigartigen Steinfest’schen Stil geschrieben –grandios!

Mein Name ist Quimp, und ich bin ein Spatz. Ein richtiggehender, was nicht bedeutet, richtig zu gehen, weil ich ja eher hüpfe und vor allem fliege, aber ich will damit klarstellen, daß ich tatsächlich ein Vogel bin und nicht etwa ein süßer Spatz, wie es von manchen Kindern heißt.

Mit der Geschichte Quimps, einem jungen und charmanten Pariser Bahnhofsspatzen, beginnt dieser sehr außergewöhnliche Roman, worin ein sprechender Vogel noch zu einem der normaleren Dinge zählt. Nachdem ihm eines Tages ein andere Spatz im Sturzflug mitreißt, wird ihm von diesem eine wichtige Mission übertragen: Er muss den legendären Pinetis finden, einen Artgenossen, der als einziger das Versteck der Sperks kennt. Diese sind Spatzenkrieger mit einer außergewöhnlichen und einmaligen Rüstung, die sich wie eine zweite Haut an den Körper schmiegt und beinahe unzerstörbar ist, die sich ihre menschlichen Kontrahenten, die Totalisten, um jeden Preis zu Eigen machen wollen.

Parallel wird die Geschichte des deutschen Kommissars Blind erzählt, der einen Fall neu aufrollen muss, der als Selbstmord zu den Akten gelegt wurde. Im Verlauf seiner Vermittlungen stößt er auf immer mehr Ungereimtheiten: Im Autowrack wurde die Leiche eines einbeinigen Mannes gefunden, doch der vermeintlich Getötete, der Erfinder Karel Nelson, stieg gesund und mit beiden Beinen in das Fahrzeug. Seine Witwe Greta setzt sich seit Jahren für eine Wiederaufnahme dieses Falles ein und offenbart ihm weitere Details, die nie zu Protokoll gegeben wurden. So war die Beifahrerin Nelsons, Mona Oldenberg, nicht wie angenommen die Geliebte von Karel, sondern ihre, wodurch das Geschehen in ein ganz anderes Licht rückt: War es doch ein Eifersuchtsdrama? Rache? Jedoch erweist sich der Fall als weitaus komplexer und vielschichtiger. Durch Nachforschungen gerät er an die seltsame Gruppe „Golden Awakenings“, in der Mona aktiv war:

Sie brechen irgendwo ein und verändern dort etwas. Sie nennen das minimalinvasiv. Eigentlich ein Begriff aus der Medizin. Kleine, feine Eingriffe. Vertauschen oder austauschen. Es geht nicht um irgendeinen Gewinn. Sie stehlen nichts. Manchmal verräumen sie etwas. Oder räumen auf.

Ein anderes Mitglied der Gruppe, Fritz, berichtet auch von einem Einstieg in die Fabrik des Konzernchefs Nelson, in dem sie ein Flugzeugwrack entdeckt hatten, dass es damals eigentlich noch gar nicht hätte geben dürfen. Dies ergibt zunächst keinen Sinn, doch im Verlauf des Romans erklärt sich dies, denn genau hier greift Steinfests bewährtes Konzept einer Parallelwelt: Durch den Moment der Verwischung, in dem Realität und Traum ineinander übergehen, können Existenzen verschoben werden und Situationen verändert, was von großer Bedeutung sowohl für Quimp als auch für Blind ist. Tatsächlich findet diese Gratwanderung auch bei dem Spatzen und dem Kommissar statt, denn immer wenn der eine schläft, erwacht er im Körper des anderen. Somit gehören sie zueinander, sind eins, ohne es zu Beginn überhaupt zu realisieren. Wie weit diese Überlappung zwischen den Parallelwelten und -gestalten nun geht, bleibt offen. Jedoch sind sich die beiden in vielem sehr ähnlich und ergänzen sich auch: So besitzt Quimp nur einen Vornamen, Blind kann sich aber an seinen partout nicht erinnern und besitzt lediglich noch seinen Nachnamen.

Was Wirklichkeit überhaupt bedeutet und inwiefern wir diese fassen können, ist die Frage, die diesem Roman zu Grunde liegt. Hervorragend schildert Steinfest mit viel Witz und Sarkasmus die verrücktesten Szenarien, fädelt gekonnt die skurrilen Übergänge zwischen Traum und Realität ein und baut dadurch sehr geschickt eine komplexe Geschichte auf.

 

Heinrich Steinfest, Das Leben und Sterben der Flugzeuge, 608 Seiten, Piper, €25,00

Please follow and like us:

Schreibe einen Kommentar