Das Pfingstwunder von Sibylle Lewitscharoff | Longlist 2016

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34 Dante-Forscher aus aller Herren Länder finden sich 2013 zu einem Kongress in Rom zusammen. Im Mittelpunkt steht die Divina Comedia, die Dantes Reise durch die drei Jenseitsreiche beschreibt. Doch am Ende der Konferenz, just in dem Moment, in dem das Himmelsreich besprochen werden soll, geschieht das Pfingstwunder: Die Teilnehmer beginnen wie im Rausch verschiedene Sprachen zu sprechen, steigen auf Fensterbänke und schweben gen Himmel. Nur der Romanist Gottlieb Elsheimer bleibt verdutzt am Boden zurück und versucht eine Erklärung für dieses seltsame Ereignis zu finden. Ein origineller und unterhaltsamer Roman, mit dem es die Büchner-Preisträgerin Sibylle Lewitscharoff auf die Longlist des Deutschen Buchpreises 2016 schaffte.

Ums Verschwinden geht es in meinen Notizen, jedoch nicht um ein vorübergehendes. Keiner von denen, die sich davongemacht haben, ist mit allerhand erstaunlichen Erfahrungen im Gepäck zurückgekehrt. Obendrein soll hier von einem sonderbaren Stimmengeschnatter die Rede sein, das einem geordneten Bericht schwer unterzubringen ist, obwohl sein Nachhall in Versatzstücken ohrwurmhaft durch mein Gedächtnis zieht.

Auf diese Weise beschreibt der Frankfurter Romanist Gottlieb rückblickend das Ereignis, das ihn dazu animierte, das Erlebte niederzuschreiben. Als Organisator und Teilnehmer der Dante-Konferenz in Rom musste er mit ansehen wie 33 seiner Kollegen in den Himmel hinaufflogen und nie wieder gesehen wurden. Verwirrt, verwundert und auch neidisch berichtet er in einer Art Gedankenstrom detailliert und bildreich von den einzelnen Tagen der Veranstaltung, beschreibt die Teilnehmer mitsamt ihren Eigenarten, geht auf die verschiedenen Besprechungen der einzelnen Gesänge ein, um herauszufinden, wie dieses Verschwinden passieren konnte und wann es zum Moment des Wandels kam.

Ich aber muß mich fragen: warum verdammt noch mal ich nicht? Meine verzückten Kollegen vermittelten keineswegs den Eindruck, daß ihnen Leiden bevorstünden, daß sie schwere Aufgaben zu bewältigen hätten. Im Gegenteil, sie waren von einer hochgemuten Stimmung ergriffen, keinem bedrohlichen hysterischen Massenaufruhr; wie leuchtende Wortfackeln sprangen sie herum, kletterten auf die Fensterbrüstungen – up, up and away – up ins danteske Wörternirwana der zimmerendenden Glückseligkeit.

Wortgewand führt Lewitscharoff den Leser durch das Werk Dantes, wobei Vorkenntnisse zu dem Werk nur bedingt nötig sind, denn durch die vielen Kommentare und Auslegungen des fiktiven Erzählers Gottlieb und der Vorträge der verschiedenen Teilnehmer bekommt man eine gute Einleitung in die Göttliche Komödie. Interessant sind hierbei die vielen Übersetzungsvergleiche, die in dem eher essayistisch gehaltenen Roman vorkommen und auch die Interpretationsmöglichkeiten, die vorgestellt werden. Diskutiert wird viel, wobei man die Geschehnisse nur aus der Sicht des Ich-Erzählers geschildert bekommt, der auch als einziger das Pfingstwunder miterlebt hat. Weitere interessante Ansätze, die in dem Roman hervorgebracht werden, beruhen auf der breiten internationalen Teilnehmerschaft: Wie wird in anderen Ländern über Dantes Werk gedacht? Wie wird es in verschiedenen Kulturen rezipiert? Vor allem beschäftigt die Forscher oft die Frage nach der noch bestehenden Aktualität und Anwendbarkeit der Divina Comedia:

Pier della Vigna als einem Selbstmörder – wenn auch einem, der aus verständlichen Gründen Hand an sich gelegt hat – ist der Himmel bei Dante verschlossen. (…) Das Urteil ist hart, nach unserer heutigen Auffassung zu hart. Sollen etwa die Juden, die sich der Verhaftung durch nationalsozialistische Mordgesellen entzogen, indem sie Giftkapseln schluckten oder mit dem Messer eine Schlagader durchtrennten, kein Paradiesglück genießen dürfen?

Sibylle Lewitscharoff schafft durch die intensive Auseinandersetzung mit der Göttlichen Komödie mit Hilfe von verschiedenen Zitaten, Auslegungen, Erklärungen historischer Hintergründe, Vergleichen und verschiedenen Interpretationsmöglichkeiten einen sehr intelligent ausgearbeiteten Roman, der eine Liebeserklärung an Dantes Poesie darstellt. Ein absolut empfehlenswertes Werk, das für jeden Dante-Interessierten – ob Kenner oder Laie – ein unbedingtes Muss ist!

 

Sibylle Lewitscharoff, Das Pfingstwunder, 350 Seiten, Suhrkamp Verlag, €24,00

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