Die Anatomie des Erwachens von Eleanor Catton

dieanatomiedeserwachens

Die Welt ist eine Bühne –zumindest erscheint es so in Eleanor Cattons Debütroman Die Anatomie des Erwachens, in dem die Grenzen zwischen Realität und Fiktion immerzu verschwimmen. Die Geschichte, unter anderem erzählt aus der Sicht einer Gruppe jugendlicher Mädchen, dreht sich vor allem um die skandalöse Affäre des Musiklehrers Mr. Saladin mit seiner minderjährigen Schülerin Victoria. Genau wie in ihrem preisgekrönten zweiten Roman Die Gestirne überzeugt Catton zum einen durch ihren außergewöhnlichen Schreibstil, zum anderen durch die komplexen und intelligent verknüpften Handlungsstränge.

Isolde bricht nach den ersten sechs Takten ab. „Ich habe nicht geübt“, sagt sie sofort. „Allerdings habe ich eine Entschuldigung. Wollen Sie sie hören?“ (…) „Gestern Abend habe ich ferngesehen“, sagt sie „und mein Pa kommt herein mit todernstem Gesicht (…) Er sagt: Deine Mutter findet, ich soll es dir noch nicht erzählen, aber deine Schwester wurde in der Schule von einem Lehrer missbraucht.“

An einer Mädchen-Highschool ist ein Skandal ausgebrochen: Die Affäre zwischen dem Musiklehrer Mr. Saladin und Isoldes 17jähriger Schwester Victoria ist aufgeflogen und ist das Gesprächsthema sowohl unter den Schülerinnen als auch den Eltern. Isolde und ihre Freundinnen reden viel und offen darüber mit ihrer namenlosen Saxofonlehrerin, die sie zunehmend emotional manipuliert. Die Mädchen sind besessen von diesem Vorfall und besprechen ihn bis ins allerkleinste Detail. Sie sind neugierig, aber auch eifersüchtig und dies alles unter den wachsamen Augen der Lehrerin. Sie spielt mit der Verwirrtheit der Mädchen, die ihr vollkommen hörig sind und bringt sie dazu, ihre vergangenen Wünsche und Sehnsüchte wieder zu beleben.

Parallel zu der Geschichte der Mädchen wird die von Stanley erzählt, der sich im ersten Jahr an einer renommierten Schauspielschule befindet und vor der großen Aufgabe steht, am Ende des Semesters ein selbst geschriebenes Theaterstück mit seinem Jahrgang aufzuführen. Von Beginn an ist ihm bewusst, dass er nicht als sehr talentiert angesehen wird und sehnt sich nach der Anerkennung seiner Professoren und Mitstudenten. Er schlägt ein Thema für das Theaterstück vor, das am Ende genommen wird und momentan die Nachrichten überschwemmt: Die Affäre eines Musiklehrers mit seiner Schülerin. Während seines ersten Jahres an dem Drama Institut lernt Stanley Isolde kennen und bald beginnen die beiden eine Beziehung. Stanley weiß jedoch nicht, dass sie Victorias kleine Schwester ist und lädt sie und ihre Familie zur Premiere des Stückes ein.

Bemerkenswert an diesem Roman sind zum einen die Charaktere, die sich –wie in einem Theaterstück– immer wieder inszenieren und in andere Rollen schlüpfen. Die Erwachsenen sind hierbei die Strippenzieher, die die Jugendlichen zu bestimmten Handlungen manipulieren wie die Saxofonlehrerin oder der Schauspiellehrer, der in seinen Studenten die Neuerfindung seines vergangenen Ichs sucht.

Obwohl die beiden Handlungsstränge in vollkommen anderen Situationen spielen, gleichen sie sich doch sehr: Die Schauspieler versuchen „echte“ Menschen nachzuahmen wie die jungen Mädchen verzweifelt versuchen sich wie Erwachsene zu geben. Es werden immerzu Tabus gebrochen, denn das Thema Begierde steht immer zentral, sei es im Rahmen der Affäre oder in den homosexuellen Fantasien der Saxofonlehrerin. Ebenso werden die Schauspielschüler mit fragwürdigen Methoden an ihre Grenzen getrieben.

„Ist der Tod ein Tabu?“ (…) Die kalte Schlichtheit seiner Ausdrucksweise rief bei Stanley ein flatterndes Gefühl im Bauch hervor, als würde das Verbotene durch die Distanziertheit des Dozenten irgendwie noch verbotener (…) Es war an dem ganzen Gespräch etwas ungeheuer Befremdliches, als wäre das Tabu als solches ein verbotenes Thema.

Die Figuren erscheinen sehr unnahbar und nicht fassbar, was zu dem Aufbau und der Grundvoraussetzung des Romanes, dass alles nur ein Theaterstück ist, sehr gut passt. Die Charaktere versuchen verzweifelt sich selbst zu entfliehen, sich neu zu erfinden und jemand anderes zu sein.

Eigentlich wollte sie Isolde sein, weil Isolde die bessere Rolle hat, aber dieses Mädchen ist auch blass und schlaksig und zerknautscht und wirkt immer leicht aufgescheucht, lauter Eigenschaften, die zu Isolde nicht passen, und deshalb spielt sie stattdessen Bridget. In Wahrheit ist es genau diese Sehnsucht, eine Isolde zu sein, die sie am meisten als Bridget charakterisiert: Bridget will immer jemand anderes sein.

Der Wechsel zwischen den Handlungssträngen wird auch zeitlich verdeutlicht: Es ist ein steter Wechsel zwischen der Präsents- und der Vergangenheitsform. Dieses Herumspielen mit der Zeit sorgt dafür, dass manchmal die Folge vor der Erklärung bzw. der Ursache dargestellt wird. Dreh- und Wendepunkt ist hierbei immer die Affäre, die die Basis für alle weiteren Handlungen ist, aus der sich mehrere weitere Geschichten und Themen herausentwickeln und ableiten.

Eleanor Catton zeigt mit ihrem Debütroman bereits, was sie in Die Gestirne perfektionierte: Sie ist eine meisterhafte Geschichtenerzählerin, komplexe Handlungsstränge spinnt sie über Kapitel hinweg und bringt sie zeitlich passend zusammen, jedoch schreckt einen die zwar gewollte, aber sehr extreme Farblosigkeit und Flachheit der Figuren ab. Der Roman ist weniger zugänglich als Die Gestirne, doch offenbart er bereits die Fähigkeiten der Autorin, deren Talent ihr 2013 den Man-Booker-Preis brachte.

 

Eleanor Catton, Die Anatomie des Erwachens, btb, 400 Seiten, €10,99

Please follow and like us:

Schreibe einen Kommentar