Die Gestirne von Eleanor Catton

Eleanor Catton legt mit Die Gestirne einen beeindruckenden und kolossalen modernen viktorianischen Roman vor, der den Werken der großen Autoren dieser Zeit wie Charles Dickens, Robert Louis Stevenson und Wilkie Collins in nichts nach steht. Eine höchst komplexe und fesselnde Geschichte, die eine Mischung aus historischem Kriminal- und Abenteuerroman ist und in der ein wenig magischer Realismus auch nicht fehlt. Daher ist es nicht verwunderlich, dass Catton 2013 für diesen einzigartigen Roman den Man Booker Prize gewann.

Die im Rauchzimmer des Crown Hotel versammelten zwölf Männer wirkten, als hätten sie sich dort zufällig eingefunden. Aus ihrem Betragen und ihrer Kleidung zu folgern – Gehrock, Frack, Seemannsjacken mit Gürtel und Beinknöpfen, gelber Moleskin, Kammertuch und Serge –, hätten sie zwölf Fremde in einem Eisenbahnwaggon sein können, jeder von ihnen auf dem Weg zu einem anderen Viertel einer Stadt mit genug Nebel und Wasserläufen, um sie voneinander zu trennen;

Neuseeland, 1866. Walter Moody, ein schottischer Anwalt, kommt nach einer langen und anstrengenden Überfahrt endlich in Hokitika an. Er hofft, wie so viele andere zu dieser Zeit, sein Glück auf den sagenumwobenen Goldfeldern Neuseelands zu finden. Nach seiner Ankunft begibt er sich in ein kleine Gaststätte namens Crown Hotel und gerät durch Zufall in eine geheimnisvolle Versammlung von 12 Männern, die ihn alsbald in ihre Diskussion einweihen. Denn es sind seltsame Dinge in der Goldgräberstadt geschehen: Innerhalb einer Nacht ist einer der reichsten Männer der Stadt verschwunden, eine opiumsüchtige Prostituierte halb tot aufgefunden worden und ein alkoholabhängiger Einsiedler verstorben, in dessen Hütte ein Vermögen entdeckt wurde. Die große Frage ist, ob es sich hierbei um einen Mord handelt und ob die anderen Ereignisse auf irgendeine Weise damit zusammenhängen. Moody wird all dies an jenem Abend aus der Sicht der 12 Männer erzählt, ein jeder berichtet von seinen Erfahrungen und Erlebnissen.

Walter Moody war in der Kunst der vertraulichen Mitteilung bewandert. Er wusste, dass man durch Bekenntnisse das delikate Recht erwirbt, die Bekenntnisse des anderen ebenfalls zu erfahren. Ein Geheimnis muss mit einem Geheimnis erwidert werden, und eine Geschichte verlangt nach einer Geschichte.

Bemerkenswert ist nicht nur die verflochtene und dichte Handlung, sonder die einzigartige astrologische Struktur des Romans, die den Inhalt gliedert. Die 12 Kapitel des Romans verkürzen sich immer jeweils ungefähr um die Hälfte und sind den verschiedenen MondphaseGestirne_Karten nachempfunden. Vor Beginn eines jeden Kapitels findet sich eine astrologische Karte, die aufzeigt, was als nächstes passieren wird. Wer nun denkt, viel Vorwissen in Astrologie haben zu müssen, um Die Gestirnen zu verstehen, liegt falsch: Mit Gestirne sind nicht die Himmelskörper gemeint, sondern die einzelnen Figuren. Denn jeder der 12 Männer im Crown Hotel ist einem Sternzeichen zugewiesen, zusätzlich kommen noch 7 andere Personen hinzu, die als Planeten aufgezeigt werden. Dadurch kann man vorab schon deuten, welche Figuren als nächstes auftreten werden, wem sie begegnen und von wem sie beeinflusst werden, basierend auf der Stellung der Planeten in den verschiedenen Sternbildern. Es handelt sich hierbei aber um keine erfundenen Karten, Eleanor Catton hat in über 2jähriger mühevoller Arbeit astrologische Karten aus dem 19. Jahrhundert studiert und akkurat wiedergegeben.

Sprachlich richtet sich Catton nach viktorianischen Zeitalter, in dem ihre Erzählung sich abspielt und übernimmt auch das Schema einer klassischen Abenteuergeschichte, die ganz den Autoren des 19. Jahrhunderts nachempfunden ist. Davon zeugen vor allem die ausgebreiteten äußerliche Beschreibungen der Personen, zu denen noch eingehende innere psychologische Deutungen hinzu kommen.

Moody sah sich nun vor seinem inneren Auge, im Türrahmen zu dem Raucherzimmer, und er wusste, dass er einen völlig gelassenen Eindruck machte. Er zitterte fast vor Erschöpfung; in seinem Inneren lastete ein Bleigewicht des Grauens; er fühlte sich geschmälert, ja eingeschüchtert; und er fürchtete sich.

Die Gestirne ist ein wirklich einzigartiger Roman: Clever strukturiert mit einer unglaublich vielschichtigen Handlung und mit einer hervorragend angepassten Sprache. Der astrologische Aufbau untermalt die Komplexität dieses Romanes, die nur langsam durchscheinen lässt, wohin sich die Handlung bewegt. Die verschiedenen Figuren berichten immer nur ausschließlich aus ihrer Sicht über bestimmte Ereignisse und so setzt sich der Fall wie ein Puzzle aus verschiedenen kleinen Details zusammen. Es ist ein imposantes Werk, das einem vor Spannung den Atem nimmt, nicht mehr los lässt und letztendlich viel zu kurz erscheint.

 

Eleanor Catton, Die Gestirne, btb Verlag, 1040 Seiten, €24,99

2 Kommentare

  1. Kate sagt: Antworten

    Ich war eigentlich auch von den ersten 90% des Romans begeistert aber vor allem die letzten 100 Seiten fand ich schwierig weil so viel Handlung und Erklärungen hineingepresst wurden. Mich hat das Ende ratlos zurück gelassen vor allem da mich das „Puzzle“ dann gar nicht emotinal bewegen konnte. Auch die beiden Hauptfiguren des Endes, die Liebenden, fand ich sehr naiv gezeichnet. Vielleicht entging mir aber auch der tiefere Sinn? Wie hast du das Ende empfunden?

    1. LotteKind sagt: Antworten

      Hallo Kate,
      entschuldige meine späte Antwort, deinen Kommentar habe ich anscheinend übersehen :/
      Ich verstehe deine Probleme mit dem Ende, dass einerseits so viel Handlung noch einmal dargestellt wird und andererseits das doch eher „offene“ Ende. Mich hat es sehr bewegt, die Entwicklung und Wandlung der Geschichte der zwei Liebenden kam zwar ziemlich abrupt in das Geschehen hinein, jedoch fand ich diesen Aspekt der astrologischen Zwillinge sehr toll und vor allem den kleinen Hauch von magischen Realismus, der damit einher ging. Ich bin aber auch ein Fan von solcher Art von Enden, wenn einiges noch unerklärt bleibt und man selber probiert, eine Antwort auf die noch ungeklärten Fragen zu finden. Dadurch bleibt man länger mit dem Roman verbunden. Ich bin aber auch sicher, dass ich vieles in diesem Roman überlesen habe und mir viele Querverweise einfach nicht aufgefallen sind, daher werde ich es wohl bald noch einmal lesen.

      Liebe Grüße!

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