Swing Time | Zadie Smith

SwingTime

Zwei Mädchen mit dem gleichen Traum: Sie wollen Tänzerinnen werden und es aus ihren Sozialbauten in London raus schaffen. Die beiden verbindet eine tiefe, aber auch sehr komplizierte Freundschaft, die jahrelang halten soll. Swing Time erzählt ihre Geschichte, wie sie –geprägt von ihrem sozialen Umfeld– versuchen sich selbst zu finden und ihr Ziel nicht aus den Augen zu verlieren, etwas aus ihrem Leben zu machen. Leider geht die Erzählung in zu vielen ausschweifenden Beschreibungen unter und wichtige Themen werden nur kurz angeschnitten, kaum ausdiskutiert, wodurch immer ein Gefühl der Unvollkommenheit bleibt und die einzelnen Episoden eher wie ziellose Aneinanderreihungen als eine zusammenhängende Geschichte erscheinen.

Wenn man sämtliche Samstage des Jahres 1982 als einen denkt, dann traf ich Tracey an diesem Samstag, morgens um zehn, als wir durch den sandigen Kies des Kirchhofs stapften, jede an der Hand ihrer Mutter. […] Wir hatten beide den identischen Braunton, als hätte man ein Stück hellbraunen Stoff durchgeschnitten, um uns beide daraus zu machen, unsere Sommersprossen sammelten sich an den gleichen Stellen, wir waren gleich groß.

So beschreibt die immer namenlos bleibende Erzählerin ihre erste schicksalhafte Begegnung mit Tracey, die sie bei einem Ballettkurs ihre Gemeinde kennen lernt. Tracey ist das genaue Gegenpol zu der Erzählerin: stark, selbstbewusst, aber –wie sich schnell herausstellen soll– auch selbstzerstörerisch. Tracey stammt aus zerrütteten Familienverhältnissen, ihr Vater ist dauernd im Gefängnis und ihre Mutter setzt alles auf ihr „Wunderkind“. Von vornherein besteht eine unterschwellige Rivalität zwischen den Mädchen, Tracey versucht immerzu ihre Freundin zu übertrumpfen und die bessere der beiden zu sein.

Nach und nach merkte ich, dass meine Stimme […] eine Art Charisma besaß, etwas, das die Menschen anzog. […] Obwohl sie immer alle ausstach und die Korkpinnwand in der Küche ihrer Mutter bereits unter Goldmedaillen ächzte, war sie doch nie zufrieden, sie wollte auch in meiner Kategorie, Musical, Gold gewinnen, dabei traf sie kaum einen Ton.

Der Traum Tänzerin zu werden, erübrigt sich relativ schnell für die Erzählerin (Plattfüße) und so beginnt sie ihre Karriere bei einem TV-Sender, wo sie dem gefeierten Popstar Aimee begegnet. Die Freundschaft zu Tracey wird zunehmend schwieriger und immer öfter und länger verlieren sich die Frauen aus den Augen, bis ihre Beziehung zu Beginn ihres frühen Erwachsenenalters ganz auseinander geht. Nachdem Aimee ihr eine Stelle als Assistentin anbietet, nimmt die Erzählerin diese auch an und bleibt die nächsten 12 Jahre bei ihr.

Aimee hatte ein außergewöhnliches Verhältnis zur Zeit, sie pflegt einen ganz ungetrübten Umgang damit, für den ich sie bewunderte. […] Bei ihr war alles eine Frage des Willens. Zehn Jahre lang beobachtete ich, wie übermächtig dieser Wille sein und was er alles bewerkstelligen konnte.

Die Geschichte besteht aus drei verschiedenen Handlungsebenen und springt zwischen diesen hin und her: Zum einen berichtet die namenlose Erzählerin von ihrer Kindheit und ihrer Freundschaft zu Tracey, zum anderen von der Zeit ihres frühen Erwachsenenalters, in dem die Beziehung zu ihrer Jugendfreundin zu Bruch geht und des weiteren noch von ihrem aktuellen Leben in ihren frühen 30ern. Ebenso wechselt der Handlungsort dauernd von London, über New York, bis hin nach Gambia. Durch diese ständigen Zeit- und Szenenwechsel erscheint die Geschichte nicht wie eine zusammenhängende Erzählung, sondern eher wie eine ziellose Aneinanderreihungen einzelner Beschreibungen. Es ist schwierig, sich auf Grund dieser Sprunghaftigkeit auf die einzelnen Situationen und Charaktere einzulassen. Auch werden dadurch viele Themen nur angeschnitten, ohne intensiver erläutert zu werden wie z.B. Gender, Identität und Herkunft, Freundschaft, Geschichte und das Gefälle zwischen arm und reich. All dies sind große Bereiche, von denen jedem alleine schon ein Roman gewidmet werden könnte.

Jedoch muss man der Autorin lassen, dass sie ein fabelhaftes Auge für soziale und gesellschaftliche Strukturen hat, die sie sehr unterhaltsam darstellt. Wie werden wir von unserem sozialen Umfeld und unserer Herkunft geformt, wie von den Menschen in unserem Leben beeinflusst? Dies sind die großen Fragen, die diesem Roman zu Grunde liegen.

Ein besonderes Thema ist in diesem Roman auch das der Relativität: Nichts bleibt gleich, keine Verhältnisse sind konstant, was sich auf die verschiedensten Bereiche wie z.B. Hautfarbe und soziale Klasse ausweitet. So wird die Erzählerin, Kind einer schwarzen Mutter und eines weißen Vaters, in London als Schwarze angesehen, in Gambia aber als Weiße. Auch wird sie dort im Dorf für ihren Reichtum geachtet, wohingegen sie in London aus eher bescheidenen Verhältnissen stammt und als Mittelklasse bezeichnet werden kann. Durch diese sich stetig ändernden Blickwinkel und Perspektiven fällt immer wieder die fehlende Verwurzelung der Erzählerin auf und das immer wieder aufkommende Gefühl nirgendwo zuzugehören, was natürlich durch ihren extremen Lebensstil noch verstärkt wird.

Leider ist die Figurenentwicklung ziemlich arm, die Autorin hat sich durch die gewählte Erzählweise mit den vielen Zeitsprüngen hierbei keinen Gefallen getan. Wo man eine gewisse Entwicklung der Hauptfigur über die Jahrzehnte erwartet, bleibt man durchgehend mit derselben, naiven und sehr passiv wirkenden Person konfrontiert, die sich als 30jährige kaum von ihrem 8jährigen Ich unterscheidet. Viel interessanter und komplexer hingegen ist die tragische Figur ihrer besten Freundin Tracey, die weitaus vielschichtiger konzipiert ist als die unbenannte Erzählerin.

Insgesamt eine viel zu ziellose Erzählung, die sich in kleinen Episoden verläuft und sich nicht zu einem großen Ganzen zusammenfügen lässt. Schade, denn Zadie Smith ist eine herausragende Autorin mit viel Sinn für Details und einem guten Blick  für soziale Strukturen.

 

Zadie Smith, Swing Time, Kiepenheuer & Witsch, 640 Seiten, €24

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