The Muse von Jessie Burton

The_Muse_New

Zwei Jahre ist es nun her, dass Jessie Burton mit ihrem Debütroman The Miniaturist (Dt.: Die Magie der kleinen Dinge) einen weltweiten Erfolg erzielte. Auch ihr zweiter Roman The Muse überzeugt durch seine vielschichtige Handlung und einnehmende Erzählweise. Es geht um die Geschichte zweier Frauen, getrennt durch die Jahrzehnte: Odelle, die in den 1960er Jahren ihre Heimat Trinidad verlässt, um in London ein besseres Leben zu finden und Olive, die während des Spanischen Bürgerkrieges in den späten 1930ern in Andalusien lebt. Obwohl sich dieses Frauen niemals begegnen werden, sind ihre Geschichten unausweichlich durch ein verloren geglaubtes Gemälde miteinander verbunden, das ihr beider Leben einschneidend verändern und bestimmen wird.

1967, London. Odelle Bastien verließ vor 5 Jahren ihre Heimat Trinidad, um nach England auszuwandern, um ihren Traum zu erfüllen, Schriftstellerin zu werden. Jedoch erweist sich dies schwieriger als gedacht und nach Jahren voller Entbehrungen als Schuhverkäuferin gelingt es ihr eine gut bezahlte Anstellung als Typistin in der renommierten Londoner Kunstgalerie Skelton zu bekommen. Auf der Hochzeit ihrer besten Freundin Cynth, die mit ihr zusammen nach London kam, lernt sie Laurence Scott kennen, einen verarmten Lebemann, dem kürzlich durch eine Erbschaft ein Gemälde zugefallen ist, das lange im Besitz seiner Familie war. Da er nicht weiß, ob es überhaupt etwas wert ist, kommt er zu Odelles Arbeitsstätte, um es schätzen zu lassen. Das Gemälde stellt sich als ein Sensationsfund heraus, denn es wird dem spanischen Künstler Isaac Robles zugeschrieben, der als ein künstlerischen Genie gilt, von dem man aber kaum etwas weiß, da er in den Wirren des Spanischen Bürgerkrieges spurlos verschwunden ist. Auch ist unklar, auf welche Weise das Bild in die Familie von Laurence Scott kam und auch Odelles verschlossene Chefin Majore Quick scheint nicht nur ein professionelles Interesse an diesem Gemälde zu haben, sondern auch ein persönliches.

1937, Andalusien. Die künstlerisch sehr talentierte Olive Schloss ist kürzlich mit ihrem Vater Harold, einem bekannten Wiener Kunsthändler und ihrer Mutter Sarah, die an einer schweren Depression leidet, in das arme Dorf Arazuelo im Süden Spaniens gezogen. Kurz nach ihrer Ankunft machen sie die Bekanntschaft des Geschwisterpaares Teresa und Isaac Robles. Die beiden werden ein immer wichtigerer Teil der Familie Schloss: Teresa nimmt die Stelle als Dienstmädchen an und wird eine enge Freundin von Olive. Isaac, ein glühender Anhänger der Revolution, hofft auf eine Zukunft als Maler. Je länger sie mit der Familie verkehren, um so mehr Geheimnisse offenbaren sich ihnen und am Ende werden sie Teil einer großen Verschleierungsaktion um Olive herum, die verheerende Folgen nach sich zieht.

Wie schon in The Miniaturist finden wir auch hier starke weibliche Hauptfiguren vor, die viele Parallelen aufweisen. Das Gemälde ist der Verbindungspunkt, der Anker zwischen den beiden Frauen, jedoch gibt es noch viele weitere Gemeinsamkeiten zwischen ihnen, die sich mit der Zeit offenbaren. Sowohl Odelle als auch Olive kämpfen gegen ein patriarchalisch geprägtes System an: Odelle arbeitet in einem von Männern dominierten Umfeld und Olive lebt in einem Zeitalter, in dem Talente und Fähigkeiten von Frauen eher belächelt als ernst genommen werden. Auch spielt Freundschaft eine wichtige Rolle in dem Leben der beiden: Sowohl Majore Quick, Odelles rätselhafte Vorgesetzte, als auch Teresa, Olives engste Vertraute, dienen als Starthelfer für deren künstlerischen Karrieren. Quick veröffentlicht eine Kurzgeschichte Odelles ohne ihr Einverständnis, in einem wichtigen Literaturmagazin, ebenso zeigt Teresa ein Gemälde von Olive offen herum, das sie versteckt hielt.

Dieser doppelte Erzählstrang bietet noch weitere Parallelen, die Odelle und Olive miteinander verbinden: Beide sind Fremde in dem Land, in dem sie leben und werden daher nur schwerlich akzeptiert, die eine wird wegen ihrer Hautfarbe diskriminiert, die andere auf Grund ihrer höheren sozialen Stellung. Die allgegenwärtige Angst vor Enttäuschung bringt beide dazu, ihre Kunst vor anderen zu verbergen, sie realisieren im Verlauf der Geschichte jedoch, dass Kunst unabhängig von der Wertung anderer entstehen kann. Die Inspiration dazu werden beide in der Liebe finden.

Ein wundervoller Roman, dessen Handlung sich Stück für Stück dem Leser über die Jahrzehnte hin offenbart. The Muse ist die Geschichte von Liebe, Freundschaft und Sehnsucht. Der Roman führt deutlich vor Augen, wie sehr einzelne Ereignisse in der Geschichte unser Leben bestimmen und prägen können. Spannend und mitreissend bis zur letzten Seite, wünscht man sich am Ende nichts mehr, als weiter Teil dieses einzigartigen Abenteuers zu sein.

 

Jessie Burton, The Muse, 416 Seiten, Picador, €13,95

Please follow and like us:

Schreibe einen Kommentar