Underground Railroad | Colson Whitehead

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Colson Whitehead setzt sich in seinem neuesten Roman Underground Railroad mit dem Schrecken der Sklaverei in den Vereinigten Staaten von Amerika im 19. Jahrhunderts auseinander. Es ist die fesselnde Geschichte einer Flucht von einer Plantage in Georgia, die die junge Sklavin Cora mit Hilfe der Underground Railroad unternimmt. Gekonnt spinnt Whitehead Realität mit Fantasie zusammen und lässt die Untergrundbahn zu einer realen werden: Unter der Erde finden sich unzählige Tunnel und Wege, die den entflohenen Sklaven den Weg gen Norden weisen.

Cora, Sklavin der 3. Generation, kennt nur das Leben auf der Randall-Plantage in Georgia. Ihr Alltag ist bestimmt von Grausamkeiten, willkürlicher Gewalt und Erniedrigung. Nachdem ihrer Mutter vor Jahren als einzige Sklavin die Flucht gelungen ist, ist Cora auf sich alleine gestellt und wird schnell zur Einzelgängerin. Das Leid der Sklaven ist groß, jeder kämpft um sein eigenes Überleben und so sind Neid und Missgunst nicht fern.

Die erbarmungslose Baumwollmaschine verlangte ihren Treibstoff, afrikanische Leiber. Schiffe fuhren kreuz und quer über den Ozean und schafften Leiber herbei, damit sie das Land bearbeiteten und weiter Leiber zeugten.

Die Sterblichkeitsrate unter den Sklaven ist hoch, es kommen immerzu neue auf die Plantage. Unter den Neuankömmlingen befindet sich auch Caesar, ein ehemaliger Sklave aus dem Norden. Er ist fernab der Grausamkeiten der Plantagen aufgewachsen, hat Lesen und Schreiben gelernt und ist diese Form von Unterdrückung nicht gewohnt. Sein Streben nach Freiheit führt ihn zu der Underground Railroad. Er nimmt Kontakt auf zu einem Mittelsmann und erzählt Cora von seinen Plänen. Er möchte sie überzeugen mitzukommen, worauf sie nach einiger Zeit auch zustimmt. Jedoch erweist sich die Flucht von der Plantage schwieriger als erwartet:

Von ihrem Tempo wurde ihnen schwindelig. Von der Unmöglichkeit des Ganzen. Ihre Angst rief ihnen hinterher, wenn auch sonst niemand. Ihnen blieben sechs Stunden, bis ihr Verschwinden entdeckt wurden und weitere ein bis zwei, ehe die Suchtrupps die Stelle erreichten, wo sie jetzt waren. Aber die Angst war ihnen bereits auf den Fersen, wie sie es jeden Tag auf der Plantage gewesen war, und sie hielt mit ihnen Schritt.

Verfolgt von dem für seine Grausamkeiten berüchtigten Sklavenfänger Ridgeway, schaffen sie es dennoch zu ihrer ersten Etappe und verlassen Georgia mit einem Zug Richtung Norden und gelangen nach South Carolina. Caesar und Cora warten dort ab, ob Ridgeway sie findet. Züge kommen und gehen, mit der Zeit wähnen sie sich immer mehr Sicherheit. Aber es kommt alles anders: Ihr sicherer Hafen erweist sich als eine Blase, eine Wunschtraum, denn Rassismus herrscht hier genauso vor wie auf der Plantage, jedoch zeigt er sich auf andere Weise. Es bleibt ihnen nichts anderes übrig als weiter zu fliehen.

Whitehead zeichnet auf ergreifende Weise das Bild Amerikas im 19. Jahrhundert als eine Nation des Sklavenhandels und beschreibt detailliert deren Barbarei –voller Grausamkeit, Hass und Unterdrückung. Coras Flucht ist aber auch die Reise durch ein tief gespaltenes Amerika, einem Land, das kurz vor dem Bürgerkrieg steht: In jedem neuen Bundesstaat erwarten sie andere Gesetze, neue Regelungen und immer wieder andere Formen der Diskriminierung, aber auch die ersten Momente der Freiheit und Hoffnung.

Neben dem Pulitzer Preis gewann Colson Whitehead unter anderem auch den Arthur-C.-Clarke-Preis, einem Science-Fiction Preis, für seine fantastische Umsetzung der Underground Railroad. Denn diese existierte in Wirklichkeit nicht wie von Whitehead in dem Roman beschrieben: Es gab keine unterirdischen Fluchttunnel und Züge, die unentdeckt unter den Südstaaten entlangfuhren. Jedoch gab es sie im übertragenen Sinne: Damit waren geheime Fluchtwege, Unterschlupfe und Helfer gemeint, die die geflohenen Sklaven unterstützten. Ihren Namen erhielt die Underground Railroad daher, weil man sich der Sprache der Bahn bediente: so war unter anderem ein conductor ein Fluchthelfer, mit station war eine Unterkunft gemeint und flüchtige Sklaven waren passenger. 

Underground Railroad zeigt einen bedeutsamen Moment in der Geschichte Amerikas auf, dessen Spuren noch heute zu erkennen sind, vor allem in dem immer noch allgegenwärtigen Rassismus. Whitehead ist eine sehr gute Darstellung der Sklaverei gelungen, wozu auch die Umsetzung der Underground Railroad als reales unterirdisches Tunnelnetzwerk einen großen Beitrag leistet.

 

Colson Whitehead, Underground Railroad, 352 Seiten, Hanser Verlag, €24

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