Unterleuten von Juli Zeh

Unterleuten

Juli Zeh hat mit Unterleuten einen Gesellschaftsroman geschaffen, der das soziale Milieu in einem kleinen fiktiven Dörfchen in Brandenburg aufzeigt. Auf über 600 Seiten stellt Zeh eine abgeschottete Gesellschaft dar, einen Mikrokosmos, in dem es vor allem um alte Streitigkeiten, Machtspielchen und Intrigen geht. Nachdem auch noch ein Windpark in Unterleuten errichtet werden soll, wandelt sich die vermeintliche Dorfidylle zum ausgewachsenen Kleinkrieg.

„Das Tier hat uns in der Hand. Das ist noch schlimmer als Hitze und Gestank.“ Jule schaute auf. „Ich halte das nicht mehr aus.“ „Es bringt nichts, sich aufzuregen, Liebes.“ Gerhard bemühte sich, seiner Stimme einen sicheren Klang zu geben. Je hysterischer Jule wurde, desto fester klammerte er sich an die Vernunft. „Wenn man jemanden hasst, stört einen alles, was die Person tut.“

Unterleuten ist ein kleines Dörfchen, das eine Stunde von Berlin entfernt liegt und nach außen hin einem Idyll gleicht. Kein Wunder, dass es so viele „Zugezogenene“ gibt: Großstädter, die der Enge und der Anonymität Berlins entfliehen wollen und sich auf dem Lande selbst verwirklichen möchten. So wie Jule und Gerhard Fließ, das Akademikerpaar, das sich für einen Neuanfang fernab der Hauptstadt entschieden hat und im Kleinkrieg mit seinem Nachbarn Schaller steht, jedoch ohne recht zu wissen wieso.

Schaller war eine Katastrophe. Er war Gerhards und Jules persönliches Armageddon.

Auch die Pferdewirtin Linda und der Softwareingenieur Frederik haben sich für den Kauf eines Grundstückes in Unterleuten entschieden, damit sie sich ihren großen Traum der Selbstständigkeit mit einer eigenen Pferdekoppel erfüllen und auch endlich ihren geliebten Hengst Bergamotte nachholen kann.

 Da Linda in Berlin nicht auf Anhieb einen Job als Bereiteren fand, bekämpfte sie Langeweile und die Sehnsucht nach Bergamotte mit einer Geschäftsidee. Wie sich herausstellte, gab es im Berliner Raum massenhaft Problempferde, besser gesagt, Problempferdebesitzer, die keine Ahnung hatten, wie sie mit ihren vor Verwirrung schon halb gestörten Vierbeinern umgehen sollten.

Natürlich dürfen die alteingesessenen Dörfler nicht fehlen, allen voran der Großbauer Gombrowski, ein gewichtiger Mann, der seit Jahrzehnten der Leiter der Ökologica GmbH ist. Auch Unterleuten blieb nicht verschont von der Zwangskollektivierung in den 60er Jahren, der Enteignung und Umwandlung der Güter in eine LPG, die nach der Wende von Grombrowski zu einer GmbH umgewandelt wurde. Eingefleischte DDRler wie Kron, der im steten Kleinkrieg mit Gombrowski steht, runden das stereotype Bild eines Dorfes in Brandenburg ab.

Zwistigkeiten kamen immer schon vor und auch die Neu-Dörfler, die nichts mit den jahrzehntealten Streitereien zu tun haben, finden sich mitten in die Auseinandersetzungen hineingezogen. Niemand bleibt außen vor und schnell zerbricht die augenscheinliche Dorfidylle und entpuppt sich als Alptraum, in dem nur die Gesetze des Dorfes gelten.

Dörfer wie Unterleuten hatten die DDR überlebt und wussten, wie man sich den Staat vom Leibe hielt. Die Unterleutner lösten Probleme auf ihre Weise. Sie lösten sie unter sich.

Nachdem Unterleuten als Fördergebiet für erneuerbare Energien auserkoren wird und demnach dort ein Windpark errichtet werden soll, bricht die gesamte dörfliche Gesellschaftsstruktur zusammen: Gier, Eifersucht, Neid und Rachsucht führen zu einem erbitterten Krieg zwischen eingefahrenen Fronten, in dem jeder mit unlauteren Waffen kämpft und alte Feindschaften wieder aufflammen.

Interessant ist der Aufbau des Romans, denn in jedem Kapitel werden die Geschehnisse aus der Sicht einer anderen Figur dargestellt. Von daher gibt es nicht einen Hauptcharakter, sondern das ganze Dorf als Kollektiv ist der Hauptprotagonist. Aber genau dort findet sich die große Schwäche des Romans: Schnell mutieren die verschiedene Figuren zu stereotypischen Darstellungen. Jule, die taffe Pferdefrau, die Managern beibringen will, wie man sich durchsetzt. Neben ihr, Frederik, der kuschende Computernerd, der ihr nie widerspricht und am liebsten nur vorm PC hockt. Gerhard, der ehemalige Professor, der seine Berufung als Vogelschützer entdeckt und Jule, die hysterische Übermutti, die fortwährend ihr Kind an sich presst. Hinzu kommen noch die eigenbrötlerischen Dörfler, die jeder Neuerung mit Verwunderung gegenüberstehen und sich verbittert an ihre festgefahrenen Abläufe ketten.

Alles in allem versprach Unterleuten ein gelungener Gesellschaftsroman zu werden, mit einem interessanten Aufbau und ansprechendem Konzept. Leider scheiterte die Umsetzung an den viel zu flachen und stereotypischen Charakteren (die jegliches Klischee eines Dorfkollektives im Osten bedienen), den vielen schiefen Formulierungen und dem nicht fesselnden Schreibstil.

 

Juli Zeh, Unterleuten, Lichterhand, 640 Seiten, €24,99

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